Man sollte viel öfter im Hotel schlafen – Verkehr hin oder her

Mir ging gestern Abend wie es vielen anderen auch oft geht: ich war des Verkehrs wegen im Hotel. Bei mir war es allerdings der Straßenverkehr, die stressigen Staus und die Tatsache, dass ich gestern abend hätte über hundert Kilometer in die eine Richtung und heute morgen die gleiche Strecke wieder hätte zurück fahren müssen. Also entschied ich mich für Hotel. Das war eine gute Idee, denn heute morgen wäre ich in einem Stau von sage und schreibe 18 Kilometern gestanden. Da fängt der Tag gleich mal zuckersüß an. Das war im Hotel gleich mal um Welten entspannter – auch wenn sich die Fahrt zum Hotel gestern abend auch nicht wirklich einfach gestaltete. Rund um Leonberg sind aktuell Baustellenwochen. Jeder Bauunternehmer, der etwas auf sich hält, kommt dahin und baut an einer Straße rum. Was genau er macht ist egal; Hauptsache die Straße wird mindestens einseitig gesperrt – gerne auch beide Spuren. Wer es schafft gleich zwei Zufahrten zur nächsten Ortschaft zu blockieren, kriegt einen Bonus und ehrlich: es gibt so einige Anwärter dafür.

Es gibt so viele schöne Wörter in der deutschen Sprache und manchmal unterscheiden sie sich nur marginal und meinen doch was anderes. Ich stand zum Beispiel gestern im Verkehr. Es gibt dann so Momente, wo man sich das Glücksrad herbeisehnt, ein „B“ für 150 erdreht und ein „E“ dazukauft und plötzlich ist alles stimmig und gut, Verkehr ist was tolles und alle Beteiligten freuen sich. So wars halt Stau und ich genervt.

Das Hotel war eigentlich ganz ok, bis auf die Tür zu meinem Zimmer. Da fehlte eine Schraube am Scharnier und wenn man etwas am Türgriff zog, war die Tür einen Spalt offen. Mit einem dezent kräftigeren Ruck, wäre die Tür offen gewesen. Hab noch überlegt, ob ich mich beschweren sollte, aber nach dem ganzen Verkehr, dem freudlosen, war ich froh überhaupt auf einem Zimmer zu sein. Allein. Mit einer Dusche und einem Bett. Das Zimmer war am Ende des Flurs, also lief da auch nicht ständig jemand vorbei und hätte jemand einbrechen wollen, hätte ich das auch nicht bei einer nicht lädierten Tür nicht gehört, denn ich war müde. Und sowohl katzen- wie auch juniorlos. So ruhig war es schon lange nicht mehr. Wahrscheinlich habe ich deshalb schon um 9 Uhr und dann sofort wie ein Stein geschlafen. Fünf Minuten vor dem Wecker wurde ich von alleine wach. Kein Miaue, kein Türenknallen, keine Pfote im Gesicht. Herrlich! Vor dem Wecker aufzuwachen ist eine der großartigsten Dinge dieser Welt. Kein lautes, schrilles Geräusch, das einen aus einem schönen Traum reisst, kein Brrrrrrrr-Vibrieren des Handys auf dem Nachttisch. Man wacht einfach so auf, schaut auf die Uhr, freut sich über das gute Timing und ist sofort gut gelaunt. Ok, das ändert sich schlagartig in dem Moment, wenn einem bewusst wird, wer man ist, was an dem Tag ansteht, was gestern war, wer Präsident der (noch) vereinigten Staaten ist, was man im letzten Sommer getan an, oder am letzten Wochenende, was man am nächsten Wochenende zu tun hat, wieso weshalb warum… aber dieser Bruchteil einer Sekunde zwischen „Frisch aufgewacht auf die Uhr geschaut“ und dem Tsunami der Erkenntnisse ob des eigenen Lebens, der ist schon klasse.
Wenn einem das noch in einem katzen- und juniorfreien Hotel passiert und dazu noch ein Frühstück im Preis inbegriffen ist, grenzt das schon sehr hart an Dekadenz. Einen Dämpfer bekommt das die Geschichte wiederum, wenn an einen ein Tisch voller russischer Monteure jubelnd im Frühstückssaal begrüßt, man sich erst wundert und verwundert zurück winkt und auch die Daumen nach oben streckt, dann die älteren Damen am Nachbartisch entdeckt, alle mit dem Trikot ihres Kegelvereins (Aufschrift: „Alle Neune – dann das Bild von Kegeln – gerne auch gleichzeitig“) bekleidet und die komplette Damenrrunde einen la-ola-mäßig zuzwinkert und plötzlich erste Erinnerungsfetzen zaghaft durch den zähen Nebel des hart erkämpften Vergessens durchdringen…
All das hatte ich nicht, weil ich ja schon früh im Bett war und zeitig geschlafen habe. Ich war um 6.30 Uhr beim Frühstück, die russischen Monteure ignorierten mich, die Kegeldamen schliefen wohl noch, alles gut.

So entspannt war ich schon lange nicht mehr am Morgen. Ich sollte viel öfter im Hotel schlafen – Verkehr hin oder her (wobei das jetzt auch wieder zweideutig klingt).

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