Vanille-Rassisten

Vorhin spontan beim Frisör gewesen. Man kann da nur spontan hin: dieser Frisör vergibt keine Termine. Man hat nun also Glück und es sitzen wenige bis gar keine Leute wartend auf den Stühlen oder man hat Pech und drei Frauen lassen sich zeitgleich Marge-Simpson-Gedächtnisfrisuren färben und frisieren. Dann kann die Wartezeit schon mal Stunden betragen (nehme ich mal an: ich habe mir das nie angetan).
Heute war nur ein einzelner Herr vor mir, die Wartezeit also akzeptabel. Tatsächlich wartete noch ein zweiter Mann hinter der Trennwand (im Frauenbereich. Hihihi.), den ich zuvor nicht gesehen hatte, aber es ging trotzdem alles relativ zügig. Während ich also wartete, musste ich zwangsläufig den diversen Gesprächen in dem Laden lauschen, so zum Beispiel einer Kundin, die Pflegeprodukte mit Vanille-Aroma verabscheut. Sie fühle sich danach nicht sauber. Schokolade fände sie als Pflegezusatz allerdings ganz toll. Mir hat sich nicht so ganz erschlossen, warum Vanille schmutzig, Schokolade aber sauber und rein sein sollte. Speziell bei Speiseeis ist es doch genau andersrum: tropft einem Vanilleeis aufs weiße Hemd, sieht man das eventuell gar nicht, aber wehe dem es ist Schokolade! Da schlägt der Fleckenteufel aber sowas von zu! Bei Stracciatella kommt es drauf an, wer direkten Hemdkontakt hat ist es dasVanille-Eis kann es gut sein, dass man fleckenlos bleibt Ist es allerdings ein Schokoladestückchen dürfte man nicht ganz ungeschoren davon kommen.
All das hätte ich der Dame erklären können, aber das hätte wahrscheinlich eh nichts gebracht. Es gibt eben Vanille-Rassisten und die zu belehren ist schwierig. Da braucht es eine langfristige Therapie, die beginnend bei der (vermeintlich) sauberen Schokoladennote über die diversen Kaffeevariationen wie Mokka und Cappuccino langsam und vorsichtig eine Brücke zur eigentlich ungeliebten Vanille schlägt – eine Therapie, die ich nicht zu geben vermag. Ich bin ja schließlich kein Dufttherapeut und schon gar keiner, der sich auf Hygienemitteldüfte spezialisiert hat. Ich könnte mir vorstellen, dass solche Fachleute ohnehin rar gesät sind. In meinem näheren Bekanntenkreis wüsste ich spontan niemanden, der da kompetent agieren könnte. Im weiteren Bekanntenkreis auch nicht.

Als ich dran war, konnte ich gerade so den Drang unterdrücken mit einem lauten „…und bringen Sie dieses großartige Vanilleshampoo! Davon wird mein Haar so tiefenrein und meine Kopfhaut glänzt wie ein Babypopo – ein sehr sehr sauberer Babypopo!“ auf den mir zugewiesenen Haarschneideplatz zu schlendern. Das hätte die zukünftige Arbeit des Dufttherapeuten sicherlich erschwert und das will ja niemand. Der soll seinen Job so gut wie nur möglich machen können, damit auch diese Frau von ihren Vanille-Vorurteilen befreit wird. Die Welt ist um so vieles besser ohne Rassisten – auch ohne Vanille-Rassisten (von den anderen ganz zu schweigen).

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