Weihnachtsmärchen

“Das kannst Du nicht tun”, rief ich atemlos. Die letzten Kilometer fiel es mir schwer mit dem alten Mann Schritt zu halten und dabei zog er den schweren Karren mitsamt Ladung ganz alleine. Er blieb stehen und schnaubte. “Was kann ich nicht tun? Diesem hirnlosen Idioten das Fell über die Ohren ziehen? Und wie ich das kann.” Sein heißer Atem dampfte in der kalten Luft. Selbst durch seinen dichten Bart konnte ich das wütende Zittern der Lippen sehen. Er packte den Karren und stapfte weiter durch den Schnee.

Kurz darauf kamen wir zu einer kleinen Holzhütte. Der alte Mann fing an gegen die Tür zu hämmern. Mit bebender Stimme rief er: “Mach auf, Du missratenes Stück Fell.” Seine Fäuste ließen das schwere Holz der Tür erbeben, aber drinnen regte sich nichts.

“Sieht so aus, als wäre er nicht zuhause, Chef.” Meine Worte kamen zaghaft und ich ging hinter dem Karren in Deckung, als er auf mich zukam. Er griff unter die Decke, welche die Ladung wärmte und brachte eine Axt zum Vorschein. “Das wollen wir doch mal sehen”, brüllte er und begann das Schloss zu malträtieren. Mit einem Tritt stieß er die Tür auf. “Hasilein, wo bist Duuuuu?”

Ein strenger Geruch schlug uns entgegen. Schaler Zigaretten– und Zigarrengeruch, gemischt mit dem Gestank von Alkohol, Schweiß und anderen unschönen Gerüchen. Der Raum war eine einzige Müllhalde. Zwischen Chipskrümeln und Zigarettenkippen lagen leere Chipstüten und Essensreste. Leere Flaschen bevölkerten den Boden, die Regale, Tische und sonstige Möbel. Auf dem großen runden Tisch in der Mitte des Raums lag eine grüne Filzmatte, darauf noch einige Jetons und ein paar übervolle Aschenbecher.
Von der Werkbank kamen schnarchende Geräusche. Den Oberkörper flach auf der Werkbank ausgestreckt, die Füße auf den Boden baumelnd lag ein abscheulich richendes Etwas. Die Ohren hingen wie die Arme schlaff zur Seite, das Stück weise Fell über dem Bauch war übersät mit Resten von Erbrochenem.

Die Krümel auf dem Boden knirschten, als mein Chef zur Werkbank ging und sich den betrunkenen Hasen griff. Er packte ihn, trug ihn angeekelt nach draußen und steckte den Hasen kopfüber in eine mannshohe Schneeverwehung. Die plötzliche Kälte zeigte Wirkung, es kam Leben in den versifften Hasenkörper.

“Bist Du verrückt, Du fetter alter Kerl?”, krächzte er. “Was soll denn das.” Die neue Lebensenergie schien auch den Stoffwechsel angeregt zu haben. Der Hase drehte den Kopf und übergab sich in großem Schwall in den Schnee. Als sich sein Magen wieder beruhigt hatte, schaute er mit blutunterlaufenen Augen zu meinem Chef, der ihn böse anfunkelte.

“Was das soll?”, brüllte der Alte mit donnernder Stimme. Sein Körper bebte unter dem roten Mantel und seine Mütze erzitterte. “Hör mal zu, Du pelziger Mistkerl.” Er schnappte den Hasen wieder am Kragen und hob ihn zu sich auf Augenhöhe. “Es ist ja schön Dich, dass Du gerade Urlaub hast und nicht arbeiten musst, aber andere müssen das sehr wohl.”

“Na und? Das kann Dir doch egal sein!”
“Was war gestern bei Dir los?”
“Geht Dich einen feuchten Kehricht an!”
“WAS WAR GESTERN BEI DIR LOS?”, schrie mein Chef und hob die Axt.
“Ist, ja gut, ist ja gut”, sagte der Hase und legte die Löffel an. “Ein paar Kumpels waren da. Wir haben gepokert und ‘n bisschen was getrunken. Ging dann eben etwas länger.”

Mit dem Hasen in der Hand lief mein Chef zum Karren und hob die Decke an. “Sieh Dir an, was du mit Deinem kleinen bisschen trinken angerichtet hast.”
Als mein Chef die Decke zur Seite schob und Rudolph, das Rentier zum Vorschein kam, erhob sich eine Wolke von Restalkohol in die kalte Luft. Rudolphs ehemals leuchtend rote Nase glomm nur noch schwach. Die Zunge hing im aus dem Maul während er schnarchend seinen Rausch ausschlief.
“Am Dienstag ist Weihnachten, wie Du vielleicht weißt”, schrie der Weihnachtsmann. “Wie soll ich dieses versoffene Rentier bis dahin wieder fit bekommen?”
“Hey, woher willst Du denn wissen, dass der mit mir einen getrunken hat? Vielleicht war er auch in Frau Holles Schneebar oder sonst wo”, ächzte der Hase.
Der alte Mann ging an das andere Ende des Karrens entfernte die Decke und hob Rudolphs Hinterläufe. “Weil Du anscheinend selbst im Urlaub Deine Leidenschaft fürs Eier anmalen nicht ablegen kannst, du Dämlack von einem Osterhasen.”
“Na und? Was solls? Fliegt Rudolph dieses Jahr eben nicht mit. Die anderen sind doch stark genug.”
“Ja, aber eine leuchtende Nase hat nur Rudolph und wie Du siehst, wird die vor Sylvester nicht mehr ihren Dienst verrichten können.”
“Tja, blöde Sache. Kann man aber nichts machen. Gibts eben keine Geschenke dieses Jahr. Pech. Ich leg mich dann mal wieder hin.”
“Oh doch, es wird Geschenke geben und zwar pünktlich wie immer.”

Zugegeben, es sah merkwürdig aus, wie der Osterhase festgezurrt auf Comets Rücken hing und mit der roten Taschenlampe den Tieren den Weg wies, aber es erfüllte seinen Zweck. Sein Murren wurde vom Zischen des eiskalten Fahrtwindes übertönt und wir schafften es, alle Geschenke rechtzeitig abzuliefern. Weihnachten war gerettet und ich hatte eine schöne Geschichte, die ich den Kollegen beim Elfenstammtisch erzählen konnte.

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1 Antwort zu Weihnachtsmärchen

  1. Heinrich sagt:

    Lustige etwas andere weihnachtsgeschichte und toll geschrieben 👍👍

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