Reisen mit Stricknadeln

Ich war heute im Zug unterwegs. Irgendwann stiegen plötzlich ganz viele Menschen ein – darunter auch drei junge Gören, die sich um mich herum platzierten: zwei an dem Tisch auf der anderen Gangseite, eine mir gegenüber an meinem Tisch. Ich hatte nur ein Gepäckstück und konnte somit nur einen weiteren Platz „reservieren“. Der „reservierte“ Platz war der direkt neben mir. Im Nachhinein verfluchte ich mich ob der Dusche am Morgen. Ohne die hätte ich sicher noch viel mehr Freiraum gehabt, aber nein, da poppen dann plötzlich so gesellschaftliche Fesseln wie Hygiene, Sauberkeit und ähnlicher Firlefanz auf. Ich muss gestehen, dass ich auch den aktuellen Pestausbruch auf Madagaskar im Hinterkopf hatte, als ich mich heute morgen der reinigenden Wirkung des herabrieselnden Wassers hingegeben habe. Und nein… bevor es zu Missverständnissen kommt: ich war in letzter Zeit nicht in Madagaskar und trage somit keinerlei Schuld an der Pest dort.

Jedenfalls saß ich also geduscht und wohlriechend im Regional-Express, keine Chance der Invasion der Menschen – insbesondere den drei jungen Gören – zu entgehen und war infolgedessen allem weiteren hilflos ausgeliefert.
Junge Gören reden viel und ausgiebig und so schön der Fortschritt der Technik auch ist: es gibt Momente, da wünscht man sich das laute Schnauben einer Dampflok und ihr dumpf-dröhnendes Poltern über marode Schienen zurück… Marode Schienen haben wir weiterhin, aber diese blöden Regional-Expresse sind sehr leise; zumindest innen. Hat man nicht zufällig eine ältere Dame in der Nähe, deren Arzt ihr zur Bekämpfung der Gicht und überhaupt als Training für die grauen Zellen Stricken als Therapie und/oder Prophylaxe empfahl, ist es schwer auf die Schnelle an eine Stricknadel zu kommen, um sich aufgrund akuter Hirnsuizid-Gefahr die Trommelfelle zu durchstechen. Bei mir war jedenfalls keine Oma weit und breit und somit weiß ich nun, dass junges Gör (anderer Tisch) sich mit Christian verlobt hat. Standesamtlich ist dann im Februar. Sie feiert nun quasi seit einer Woche durch, aber das ist ok, weil es die Wochen vorher eher selten Alkohol gab. Junges Gör (mein Tisch) war wiederum auf einem Konzert, bei dem auf der einen Seite die Trinkfraktion stand, auf der anderen Seite die in Beziehung und junges Gör (mein Tisch) fand das witzig, weil sie junges Gör (anderer Tisch) da quasi als Bindeglied sah. Die sah das auch so und bot sich fürs nächste Konzert als Mittler zwischen den Welten an. Das fand ich persönlich ja nett und war kurz davor, mich in das Gespräch einzumischen. Gleich darauf driftete es aber wieder in Hemisphären ab, die mir sehr fremd waren und ich träume von älteren Damen, die sich an meinen Tisch setzen, mich freundlich anlächeln und dann ihr Strickzeug auf den Tisch legen… die größte Nadel zeigt dabei genau in Richtung meiner Hand. Ich muss nur zugreifen… der Schmerz ist sicher nur kurz, aber die Ruhe danach herrlich und mit nichts zu vergleichen.
Es kam aber keine Oma, dafür stiegen viele Leute wieder aus und junges Gör (mein Tisch) wurde zu junges Gör (auch anderer Tisch). Zu hören waren sie aber weiterhin…

Es gibt so viele Momente im Leben, die einen mit Schmerz und Trauer erfüllen. Der Moment, wenn man nach einer Fahrt im Regional-Express die Tasche in den Kofferraum legt und feststellt, dass man ja einen iPod, voll aufgeladen, sowie funktionierende Kopfhörer dabei hatte, gehört eindeutig dazu.

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