Wenn die Gondeln Trauer tragen

Ab und zu sollte man sich auch mal etwas Kultur gönnen. Das war bei mir gestern mal wieder der Fall – hauptsächlich deshalb, weil in meiner Amazon Prime Watchlist schon seit Monaten „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ vor sich hinvegetiert und ich zum einen Angst habe, dass der bald aus dem Programm geworfen wird und zum anderen mein schlechtes Gewissen, dass mir irgendwelche Stand-Up-Comedys und Serien über einen alternden Raumschiff-Kapitän wichtiger sind, als ein Klassiker der Kinogeschichte. Und das ist „Wenn die Gondeln Trauer tragen“; immerhin sagt der Titel sogar mir was und Donald Sutherland spielt mit und überhaupt. Fehlt eigentlich nur noch ein Soundtrack von Mancini, aber dem ist wohl nicht so.

Der Film ist schon was älter. Aus dem Jahr 1973, um genau zu sein, was „was älter“ schon mal auf eine ganz andere Ebene hievt. Tatsächlich ist er also alt und das merkt man ihm auch an. Schon die ersten Sequenzen machen klar, dass LSD damals durchaus noch ein Thema war und Rauchen war ohnehin nicht nur geduldet, sondern schon fast ein Muss. Wenn jemand nicht rauchte, machte es die Person gleich mal verdächtig und ein unsichtbares „Mörder“ klebte fortan auf der Stirn. Bei „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ wird eifrig geraucht. Und düster vor sich hingelebt. Die Story ist eigentlich schnell erzählt: ein Paar in England verliert die Tochter (sie ertrinkt, aber weil ständig so ein Ball rumschwimmt und viel mit der Farbe „Rot“ gearbeitet wird, habe ich die ganze Zeit auf den Horror-Clown gewartet. Kam aber nicht. Kein Wunder: ES war zu dem Zeitpunkt weder geschrieben, geschweige denn verfilmt), lebt und arbeitet später in Venedig, wo Morde geschehen, eine blinde Frau und deren Schwester auftauchen, ein Hauch von Akte X und Geschichten aus der Gruft mischen sich in die Grundstimmung und immer wieder jemand in einer roten Jacke, wie das Mädchen, als es ertrank. Es passieren seltsame Dinge, man weiß nie so recht, was, wie, wo warum passiert und es ist einigermaßen spannend, aber auch verwirrend und eigentlich schaut man nur weiter, weil man wissen möchte, was das nun eigentlich Sache ist.

Das Material für Filmrollen scheint 1973 preislich im unteren Segment angesiedelt gewesen zu sein, weshalb man es sich erlauben konnte, sehr viel davon zu verwenden um das Rohmaterial für „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ zu drehen. Nun sind in dem Film einige hervorragende Schauspieler vertreten, aber trotzdem: um auf einen Gesamtfilmlänge von 105 Minuten zu kommen, braucht es schon ein paar Meter Filmrolle. Für eine Geschichte, die man auch locker in einer Episode von X-Faktor: Das Unfassbare unterbringen könnte, rechnet man da schon genauer, wenn die Rollen auf dem Preislevel von Toilettenpapier vor ein paar Wochen wäre.

Ich habe mir den Film bis zum Ende gegeben, obwohl der Drang meinetwegen als Kultur-Verweigerer, aber dafür weniger genervter Mensch durchs restliche Leben zu wandeln teilweise schon sehr erdrückend war. Ich hab also die ganzen 105 Minuten durchgehalten und ja: die GANZEN 105 Minuten, weil: nach 102 Minuten, als der eigentliche Film zu Ende war und der Abspann lief, war ich mir sicher, dass da noch was käme. Kommen musste! Tat es aber nicht.

Sagen wir mal so: mir tun die armen Leute leid, die den Film 1973 im Kino gesehen haben, denn damals gab es noch kein Internet und somit auch kein Wikipedia. Letzteres war nämlich die Seite, die ich nachdem auch nach 105 Minuten und somit dem Ende des Abspanns immer noch ein riesiges Fragenzeichen Dirk-Nowitzki-gleich – also sehr groß – über dem Fernseher, über meinem Kopf und irgendwie allgegenwärtig im Raum schwebte. Ein Fragezeichen, das Sinnbild war für eben jene Frage, die blieb, nämlich der Frage: Häh?

„Wenn die Gondeln Trauer tragen“ bekam einige Preise, wurde für ein paar mehr nominiert, er zählt laut einer Umfrage zu einem der besten britischen Filme und es gibt Anspielungen auf diesen Film in anderen Filmen. Warum ist mir nicht so ganz klar. Vielleicht lag es am fehlenden LSD, vielleicht ist Kultur einfach nichts für mich, vielleicht liegts auch an der fremd anmutenden Ästethik dieser Zeit. Allerdings kam 1974, also nur ein Jahr später Emanuelle raus und den fand ich nicht übel.

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